Peak Oil macht Schulden besonderen in Südeuropa. Eurorettung nur mit Green New Deal.

Apr 27th, 2012 | By | Category: Articles, Featured Posts

Anbei ein sehr interessantes Papier von Sven Giegold, der darstellt, wie Peak Oil – obwohl er es nicht so benennt – die Verschuldung der Euro-Länder vorantreibt. Das stützt absolut meine These, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise, die wir sehen sehr maßgeblich von Peak Oil und der materiellen Dekadenz des jetzigen Wirtschaftssystems beeinflusst ist.

Insbesondere: die Finanzkrise ist ‘materiell’  verursacht – es ist ein Irrglauben, dass es sich nur um das Verspekulieren einiger gieriger Banker oder gar um eine reine ‘Finanztricks’-‘Finanzprodukte’-Krise handelt. Die Krise wird durch manifeste wirtschaftliche Probleme mit dem Schwinden der materiellen Basis unserer Wirtschaft ausgelöst. Die Politik gegenüber dem Iran und das Ölembargo verschärfen diese Krise für Europa erheblich, indem sie durch die künstliche Verknappung des Öls durch Boykott dazu beitragen, dass die Ölpreise erheblich gestiegen sind. Der Ölboykott gegen den Iran ist insofern gegen unsere Interessen.

Besonders die südeuropäischen Länder sind betroffen, weil sie höhere Anteile iranischen Öls importierten, leider besonders Griechenland – während die USA weniger betroffen sind, weil sie Iran schon länger boykottieren und die eigene Ölförderung hochfahren.

Enorm betroffen von den hohen Ölpreisen sind die afrikanischen und Nahost-Länder, die MENA-Länder. Die untere Mittelschicht, die rund 70-80% Ihres Einkommens für Energie und Lebensmittel ausgab 2007 hatte ein dickes Problem, als diese Kosten sich bis zum Sommer/Herbst 2008 verdoppelten: 140-160% waren nicht mehr finanzierbar.

Statt etwas Geld für Bildung übrig zu haben, fingen sie an zu hungern. Das hat die Arabellion wesentlich mitausgelöst, war Zunder im Unbehagen.  Besonders dramatisch: der enge Zusammenhang zwischen Ölpreisen und Lebensmittepreisen an den Weltbörsen. Sie schwingen miteinander. Auch Gas-, Kohle- und Strompreise folgen dem Ölpreis.

Gas hat Ölpreisbindung noch immer in der Regel, der Strompreis wird über die Börse oft durch den Gaspreis gesetzt als teuerstem Kraftwerk. So gibt es eine regelrechte Preisschaukel: Ölbörse -> Gaspreis -> Strombörse, Ölbörse -> Lebensmittelbörse. Mit dem Eingeständnis von Peak Oil beim konventionellen Rohöl im Jahr 2006 durch die IEA ist klar: die Preisschraube beim Öl dreht sich nicht mehr rückwärts.

 Hier kommen wir auch unmittelbar zu der Frage, wie die Verschuldungskrise zu lösen ist:

Steigendes Wirtschaftswachstum löst höheren Ölverbrauch aus – das treibt die Preise und würgt wieder die Wirtschaft ab. Mit anderen Worten: wir können auf der Basis der fossilen Energien und insbesondere des Öls das bisherige Wirtschaftswachstum nicht mehr fortführen, weil es sich immer wieder selbst abwürgt. Wirtschaftswachstum: steigende Energiepreise, abwürgen des Wachstums.

Der bei Verknappung (höherer Nachfrage/Wirtschaftswachstum) steigende Ölpreis wirkt wie eine eingebaute Bremse im Wirtschaftswachstum. Daher können wir mit diesem materiellen ölabhängigen System auch nicht ‘aus der Krise herauswachsen’, um die Verschuldung zu tilgen.

Wir müssen die materielle Basis unseres Wirtschaftens verändern hin zu erneuerbaren Energien. Das hat auch noch den Vorteil, dass wir jetzt erheblich investieren und so Arbeitsplätze schaffen und diese Investitionen langfristig mit Inflation abschreiben. Die Schulden werden billiger, während die Energie sich verteuert.

Eine vorteilhafte Strategie. Wir müssen noch mal schauen, wie groß dieser Effekt in Deutschland derzeit ist und wie viel er zum deutschen Wirtschaftserfolg beiträgt.

Sven Giegold schreibt:

Die Wirtschaft siecht auch drei Jahre nach dem schweren Einbruch in vielen europäischen Staaten dahin. Trotzdem müssen die EU- Mitgliedstaaten schon bald wieder genauso viel für den Import von Öl, Gas und Co. zahlen wie vor der Krise. Verantwortlich dafür ist ein nicht nachhaltiges Wirtschaftsmodell, das auf die Einfuhr von Ressourcen angewiesen ist. Allein zwischen Oktober 2010 und September 2011 haben die 27 EU-Länder 408 Mrd. EUR für Rohstoffimporte ausgegeben. Diese Abhängigkeit macht nicht nur Unternehmen, VerbraucherInnen und der Umwelt zu schaffen, sie gefährdet auch die Stabilität der Eurozone. Denn die hohen Importkosten tragen zu Leistungsbilanzdefiziten bei, das heißt sie müssen sich im Ausland verschulden.

Die derzeitigen Schuldenländer Irland, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland leiden besonders unter der Ölabhängigkeit. In den Krisenländern betrug der Anstieg der Rohstoffimportkosten zwischen dem ersten Quartal 2009 und dem dritten Quartal 2011 durchschnittlich 50% ihrer aktuellen, gesamtwirtschaftlichen Neuverschuldung.

Deutschland verbuchte zwar von Oktober 2010 bis September 2011 einen Leistungsbilanzüberschuss in Höhe von knapp 141 Mrd. EUR, gleichzeitig musste die Bundesrepublik aber gut 108 Mrd. EUR für den Import von fossilen Energieträgern und anderen endlichen Rohstoffen aufwenden. Da in Zukunft mit weiteren Preissteigerungen zu rechnen ist, werden die Einfuhrkosten weiter zunehmen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis auch uns die Rechnung für unsere rückständige Energie- und Wirtschaftspolitik zu teuer kommt. Besonders betroffen sich Menschen mit unteren und mittleren Einkommen, die einen überproportional großen Anteil ihres Einkommens für Energie aufwenden müssen.

Eine überzeugende Möglichkeit zur Überwindung der Eurokrise muss also auch die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und anderen endlichen Rohstoffen vermindern: Keine Eurorettung ohne Green New Deal.

Die EU hat 2010 mit Verabschiedung ihrer Leitstrategie “EU 2020” bereits die Weichen für eine ökologischere und sozialere Wirtschaft gestellt. In ihren Bemühungen um eine ökologische und soziale Transformation darf die Europäische Union nun nicht auf halber Strecke stehenbleiben. Ein ehrgeizigeres und verbindliches EU-Treibhausgasminderungsziel von -30 % bis 2020 wäre ein wichtiger Schritt für mehr Umweltschutz – und auch für neue Arbeitsplätze: Würde die EU ihre Reduktionsziele von 20 % auf 30 % bis 2020 nach oben schrauben, so ginge dies mit der Schaffung von mehr als 2 Mio. zusätzlichen Arbeitsplätzen einher.

Bei den Rettungsprogrammen für Banken und Staaten spielten ökologische und auch soziale Belange praktisch keine Rolle. Die nun von der EU geplanten europäischen Investitionsprogramme  dürfen diesen Fehler nicht wiederholen. Deshalb dürfen die Investitionen nicht in Straßenbau, Flughäfen und Betontourismusanlagen fließen und so die Ölabhängigkeit weiter erhöhen. Stattdessen müssen wir das Geld dringend in Erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Materialeffizienz, usw. stecken.

Mein Team und ich sind dem Zusammenhang von Eurokrise und Abhängigkeit von Rohstoffimporten auf den Grund gegangen. Herausgekommen ist ein Arbeitspapier, das es mit vielen Schaubildern hier herunterzuladen gibt: http://gruenlink.de/8bd

Eine Broschüre speziell zu Nordrhein-Westfalen gibt es hier: http://gruenlink.de/8bk

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One Comment to “Peak Oil macht Schulden besonderen in Südeuropa. Eurorettung nur mit Green New Deal.”

  1. felix rudolf bischof says:

    Grüezi Herr Giegold

    Sie treffen den Nagel wirklich auf den Kopf. Es ist doch sonnenklar: die derzeitige Finanzkrise ist der Anfang von Peak Oil. Erstaunlich, dass man in den Massenmedien nie darüber berichtet. Haben die Journalisten ein Brett vor dem Kopf oder wollen sie einfach glauben, dass die Finanzkrise eine vorübergehende Erscheinung ist, ausgelöst durch ominöse Zockerbanker? Wir stehen am Anfang einer neuen Epoche, der Niedergang des Ölzeitalters. In letzter Zeit stelle ich fest, dass viele Menschen mit der These der abiotischen Genese von Erdöl sich trösten; nach dem Motto: das Öl wird schon nachfliessen. Als Geologe bin ich immer mehr davon überzeugt, dass die abiotische Genese von Erdöl (neben der fossilen) richtig ist. Der Haken daran ist jedoch die sehr langsame Entstehung von Erdöl. Wäre sie schnell, würde -durch die Plattentektonik- im Laufe der Zeit sehr viel CO2 in der Atmosphäre sich ansammeln und das Leben auf der Erde von Anfang an verun-möglicht haben. Falls Sie meine Forschungen bezüglich der Genese von Erdöl interessieren, melden Sie sich ungeniert bei mir.

    Freundliche Grüsse

    Felix Rudolf Bischof, Winterthur CH

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